Ein fehlender Fernbahnanschluss gilt seit der Eröffnung 1992 der als der größte Standortnachteil des Münchner Flughafens. Nun könnte sich das deutlich schneller ändern als gedacht.
Wie der Münchner Merkur berichtet, prüft die Deutsche Bahn eine überraschende Lösung. Statt einer komplett neuen Fernbahntrasse soll ein ICE über die bestehenden Gleise der S-Bahn-Linie S8 bis zum Flughafenbahnhof rollen. Als möglicher Startzeitpunkt wird bereits Juli 2026 genannt.
Die Bahn selbst spricht offiziell von „Gerüchten“, interne Hinweise verdichten sich aber. Unter anderem wurden bereits Lokführer für die Streckenausbildung angefragt. Für Reisende aus Süddeutschland und der Schweiz, die regelmäßig den Lufthansa-Hub München ansteuern, würde sich damit erstmals eine echte Bahnalternative zum Zubringerflug öffnen.
ICE über den Südring zum Münchner Flughafen
Konkret geht es um eine Verlängerung der ICE-Linie 60, die derzeit auf der Strecke (Basel–)Karlsruhe–Stuttgart–Augsburg–München verkehrt und am Münchner Hauptbahnhof endet. Den Plänen zufolge würde der ICE dort die Fahrtrichtung wechseln, über den Südring zum Ostbahnhof rollen und von dort die S8-Trasse zum unterirdischen Flughafenbahnhof nutzen. Neue Gleise wären dafür nicht nötig.
Eingesetzt werden soll laut Bericht der ICE 3 neo (Baureihe 408). Mit 200 Metern Länge ist der Zug mit den Bahnsteigmaßen am Flughafenbahnhof kompatibel. Auch die für ICE-Verhältnisse hohen S-Bahn-Bahnsteige (96 cm) sind für den ICE 3 neo unkritisch. Beim älteren ICE 3 der Baureihe 403, der aktuell auf der Linie 60 unterwegs ist, wäre ein Verkehrshalt an solchen Bahnsteigen aus Sicherheitsgründen nicht zulässig. Ein Tausch der Fahrzeugflotte wäre also Voraussetzung.
Was dem Start im Weg steht
Bis der erste ICE am Münchner Flughafen einrollt, sind mehrere Fragen offen. Dem Merkur-Bericht zufolge fehlt dem ICE 3 neo aktuell die Zulassung für den Flughafentunnel sowie für die S-Bahn-Tunnel im Bereich Unterföhring und Ismaning. Eine schnelle Nachzulassung wäre allerdings möglich.
Hinzu kommt das betriebliche Problem: Die S8 fährt heute in dichtem Takt und gilt aufgrund regelmäßiger Verspätungen und Störungen nicht gerade als Vorzeigelinie der Münchner S-Bahn. Wie sich ein 200-Meter-ICE in diesen Takt einfügen lässt, ohne den S-Bahn-Verkehr zusätzlich auszubremsen, ist die zentrale ungeklärte Frage. Im Eisenbahnforum Drehscheibe-online diskutieren Fachleute bereits, ob am Flughafenbahnhof ausreichend Wendeinfrastruktur vorhanden ist und welche Trassen der Fernzug überhaupt nutzen könnte.
Bahnintern sollen 18 Lokführer für eine Streckenausbildung angefragt worden sein. Ein Indiz, dass die Planungen weiter sind, als die offizielle Sprachregelung vermuten lässt. Die DB selbst hält sich zugeknöpft: Neue Angebote werde man erst kommunizieren, „wenn sämtliche für die Betriebsaufnahme erforderlichen Schritte erfolgreich abgeschlossen sind“, so die Konzernantwort an den Merkur.
Politischer Rückenwind aus Berlin
Bewegung in die jahrzehntealte Debatte kam zuletzt aus Berlin. Bei der Eröffnung der Terminal-1-Erweiterung Mitte April 2026 kündigte Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) an, die Fernverkehrsanbindung des Münchner Flughafens zu prüfen. Ein Ergebnis dieser Prüfung soll im Sommer 2026 vorliegen. Damit fällt der mögliche ICE-Start im Juli zeitlich auffallend genau mit dem politischen Fahrplan zusammen.
Parallel hatte die IHK München und Oberbayern den Bund bereits 2025 aufgefordert, für eine Fernbahnanbindung des zweitgrößten deutschen Flughafens zu sorgen. Frankfurt hat seit Jahrzehnten einen ICE-Bahnhof, München nicht. Im Wettbewerb der europäischen Hubs ist das ein harter Standortnachteil.
Was die Verbindung für Reisende bedeutet
Für Fluggäste aus Süddeutschland, Baden-Württemberg und der Schweiz wäre die Anbindung ein Sprung nach vorn. Wer heute aus Stuttgart oder Basel zum Lufthansa-Hub München will, muss am Hauptbahnhof in die S-Bahn umsteigen und nochmal rund 40 Minuten einplanen. Mit dem ICE auf die S8-Trasse würde dieser Umstieg entfallen.
Spannend wird die Frage, ob Lufthansa das Angebot in ihr Express-Rail-Konzept einbindet. In Frankfurt funktioniert das Modell seit Jahren: ICE-Strecke statt Zubringerflug, Codeshare-Flugnummer inklusive Meilengutschrift im Miles & More-Konto. Gerade für Verbindungen wie Stuttgart–München, insbesondere nach dem Ende der Lufthansa Tochter CityLine, wäre eine Schienen-Alternative naheliegend.
Wie wahrscheinlich ist der Juli-Start?
Dass die Bahn Lokführer für eine Streckenausbildung anfragt, ist kein Beleg für einen Fahrplan. Aber auch kein Detail, das ohne ernsthafte Planung passiert. Mit Tunnel-Zulassung und Trassenplanung auf der S8 stehen jedoch echte Hindernisse im Weg.
Wahrscheinlicher als ein flächendeckender Fahrplan ist daher zunächst ein einzelnes ICE-Zugpaar als Pilotbetrieb, möglicherweise verbunden mit einer politischen Ankündigung des Bundesverkehrsministers im Sommer. Die größere Lösung mit eigenem Fernbahnhof am Flughafen bleibt ein Projekt der 2030er Jahre. Spätestens im Kontext einer möglichen Olympia-Bewerbung Münchens für 2036, 2040 oder 2044 dürfte diese Diskussion erneut Fahrt aufnehmen.
Wir bleiben dran und informieren dich, sobald die Deutsche Bahn die Pläne offiziell bestätigt.
Titelfoto von Nico Ruge/ Unsplash
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